Unser ganz persönlicher Kirchentag

Kirchentag beginnt für uns schon vor der eigentlichen Veranstaltung.
Frühzeitig anmelden und Urlaub planen gehören zu den Erstplanungen für einen Kirchentag. Wenn dann endlich die Unterlagen und Dauerkarten kommen, heißt es das Programmheft nach, für uns interessanten Programmpunkten zu durchforsten.
Bei etwa 2500 Programmpunkten kein leichtes Unterfangen.

An den Tagen vor dem Kirchentag steht an, die Planung der Reiseroute, welches Wetter wird es geben, was nehmen wir mit. Ihr kennt das sicherlich von den Urlaubsvorbereitungen. Und das ist es für uns dann auch! Urlaub mit Gott!

Dienstag

Wir hatten uns entschlossen schon am Dienstag anzureisen um entspannt die 597km nach Berlin fahren zu können, selbst wenn wir in diverse Staus geraten sollten. Wir sind dann Dienstag um 10:45 Uhr los, haben auf dem Weg noch eine liebe Freundin von Petra besucht und sind schließlich um 19:35 Uhr bei unseren Gastgebern in Berlin angekommen. Ein sehr warmherziges und wohlwollendes Paar in unserem Alter, die es als Kinder von evangelischen Pfarrern zu DDR Zeiten nicht leicht hatten.

Den ersten Abend haben wir mit unseren Gastgebern in einem russischen Restaurant gespeist und bei angeregten Gesprächen auch die Atmosphäre der fremden Kultur in uns aufgesogen. Dies war schon mal unser ganz persönlicher "Abend der Begegnung"!

Mittwoch

Da unsere Gastgeber in Prenzlau - also etwas außerhalb der Innenstatt - wohnen, hatten wir mehr als genug Gelegenheiten unsere Dauerkarten, die zugleich Fahrkarten für den öffentlichen Nahverkehr sind, zu nutzen.
Nach 25 Minuten erreichten wir den Berliner Hauptbahnhof und waren erstaunt über die architektonische Großzügigkeit der Plätze und Anlagen. Da das Programm offiziell erst um 18:00 Uhr mit einem Eröffnungsgottesdienst beginnen sollte, machten wir uns zunächst mit einer Hop-on Hop-off Tour ein grobes Bild von Berlin.

Beeindruckt von einer Stadt die einmal die Viertgrößte der Welt war und zu 51% aus Grünflächen besteht, begaben wir uns zu Fuß in das Regierungsviertel, um die Bauwerke der Schaltzentralen irdischer Macht zu bewundern.
Nach einem typisch Berliner Mittagessen (Kalbsleber Berliner Art und Braten mit Spreewälder Sauerkraut) trafen wir rechtzeitig auf dem Gendarmenmarkt ein, um uns in einer Menschentraube wiederzufinden, die darauf wartete, dass Ihre Rucksäcke begutachtet würden. Danach durften wir den Platz vor der Bühne für einen der drei Eröffnungsgottesdienste betreten.
Eine Sicherheitsmaßnahme, die wir noch auf keinem Kirchentag erlebt hatten und die sich auch sehr befremdlich anfühlte. Wo war das Gottvertrauen, wo das Vertrauen in die Menschen?

Einerseits vielleicht verständlich, um das Sicherheitsbedürfnis mancher zu stärken, andererseits in meinen Augen nervig und irgendwie eines Kirchentages auch unwürdig. Nun, es sollte uns noch öfters begegnen und wir durften unsere Planungen dahingehend ändern, entsprechend mehr Zeit einzuplanen, um bei Programmpunkten diese Kontrollprozedur zu durchlaufen.

Der Eröffnungsgottesdienst und die Vielzahl der anwesenden Menschen machte diese Veranstaltung zu einem einzigartigen Erlebnis. Mit gutem Blick auf die Bühne und mit der sanften musikalischen Begleitung durch Fritz Baltruweit ein wirklich bewegender Einstieg in den Kirchentag 2017.
Anschließend wollten wir das Max Giesinger Konzert am Brandenburger Tor mitmachen und es folgten lange Fußmärsche durch eine Stadt, die so groß ist, dass die Plakatierungen und Beflaggungen zum Kirchentag kaum Gewicht hatten und in dem bunten Bild der Stadt kaum auffielen. Die Sperrung der Innenstadt für den gesamten Autoverkehr war für uns sehr angenehm, aber für die Berliner wohl eine ziemliche Herausforderung, was den Berufsverkehr anging.
Wir trafen zum Konzert noch eine Freundin, die ebenfalls zum Kirchentag nach Berlin gekommen war.
Auch wenn wir uns auf das Konzert gefreut hatten, so sind wir doch nach dem fünften Lied schon wieder gegangen. Irgendwie wollten wir mehr geistige Nahrung als weltliche Ablenkung.

Zum Abendsegen ab 22:30 waren wir wieder auf dem Gendarmenmarkt und tauchten ein in ein Meer aus Licht und Segen. Tausende von Gläubigen mit Kerzen sangen und lauschten auf dem Platz und gaben dem Augenblick eine ganz besondere unbeschreibliche Atmosphäre, die jedem, der sie noch nicht erlebt hat, auch nicht beschrieben werden kann.

Nach Mitternacht trafen wir wieder bei unseren Gastgebern ein und genossen unsere zweite Nacht in Berlin.

Donnerstag

Nach einem sehr üppigen Frühstück bei und mit unseren Gastegebern verflog die Zeit mit Gesprächen über Gott und den Glauben, sodass wir uns erst um 12:00 Uhr auf den Weg in die Stadt machten.
Aber war es nicht genau das, weswegen wir hergekommen waren? Warum geplante Programmpunkte einhalten, wenn genau das, was den Spirit des Kirchentages ausmacht, schon da ist. Die Begegnung mit Menschen und Gott. Wie gesegnet wir doch sind, wieder einmal ein solches Gastgeberpaar zu haben, das genau in unserer Schwingung ist und auch im Glauben so gut zu uns passt. Hierfür allein war der Kirchentag für uns schon ein Segen! Danke für diese wunderbare Führung!

In der Stadt angekommen trafen wir uns wieder mit unserer Freundin, nahmen einen Snack und fuhren zur Internationalen Gartenausstellung, wo wir neben der tollen Ausstelllung mit Pflanzen und vielem mehr, den Programmpunkt Duo Camillo (Christliches Musikkabarett vom Feinsten) genossen. Fabian Vogt (Mitautor von "Expedition zum Anfang") und Martin Schultheiß spulten ein energiegeladenes mit Pointen gespicktes Programm ab, welches wir zu keinem Kirchentag versäumen.
Da wir den Auftritt von Barack Obama und Angela Merkel am Brandenburger Tor durch unsere Gespräche mit den Gastgebern verpasst hatten, war es sehr erheiternd, als die Beiden verkündeten, Obama habe sich darüber sehr gefreut, dass der Kirchentag das Motto der NSA übernommen habe: "Ich sehe Dich!"
Beim Bummeln durch den Park stolperten wir noch in eine Benefizveranstaltung von Dr. Eckerhard von Hischhausen mit dem passenden Titel "Die Kunst des Lachens".
Nach viel Lachen, Sonne und einer herrlichen Kulisse beschlossen wir, den Abend in einem Irischen Pub in den Hackeschen Märkten bei der ein oder anderen Caipirinha zu beenden.

Freitag

Nach einem ebenso gesprächstiefem Frühstück wie am Vortag fuhren wir zum Zentrum der Jugend am Anhalter-Bahnhof in Kreuzberg. Beeindruckend, welches Engagement und wie viel Lebensfreude all die jungen enthusiatischen Gläubigen in vielen verschiedenen Programmangeboten für andere junge Menschen anboten.
Wir ließen uns bei der Schnippel-Disco dazu animieren Kartoffeln, Möhren und Zwiebeln, die sonst weggeworfen worden wären, zu schälen und zu schneiden. Aus denen wurde stetig eine Suppe gekocht, die kostenlos, bzw. gegen ein Spende an alle verteilt wurde!
Eine tolle Aktion, die wir gerne und mit viel Spaß unterstützt haben!
Danach fuhren wir wieder zum Messegelände, legten uns in den Schatten vor der Bühne im Sommergarten auf die Wiese. Den Rest vom Judy Bailey Konzert verfolgend entspannten wir uns und würdigten die vielen Bio-, und Gesundnahrungsmittelstände rund um die Hauptwiese mit Bühne. Von Eis, über Pasta, Indisch, Thai, Burger, Fisch und vielem mehr wurde alles zu einem akzeptablen Preis in höchster Qualität angeboten. Ein sehr lobenswertes und beeindruckendes Konzept welches so, viel öfter bei Veranstaltungen eingesetzt werden sollte!

Die Veranstaltung "Wo Glaube ist, da ist auch lachen" sorgte für eine kurzweilige Zeit bis zur Abendandacht. Die feierten wir ebenfalls vor großer Kulisse mit vielen tausend Menschen und Kerzen.

Samstag

Wir entschieden den Abschlußgottesdienst am Sonntag in Wittenberg nicht mitzufeiern, sondern in die Nacht hinein, Richtung Heimat zu fahren. Wir wollten Staus und großen Rückreiseverkehr vermeiden und den Kirchentag in aller Ruhe beenden. Deshalb packten wir schon früh unseren Koffer und beluden unser Auto, um an unserem letzten Tag mit dem Auto nach Berlin rein zu fahren und von dort aus, direkt nach Hause.
Wieder zog es uns zum Messegelände, denn Petra wollte noch einen Gesprächskreis mitmachen. Ohne einen solchen, ist ein Kirchentag, kein Kirchentag! Pünktlich um 10:30 Uhr begann der Gesprächskreis "Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens - Zur Lebensmitte".
Ein kleine Runde von etwa 8 Frauen und ich als einziger männlicher Teilnehmer, resümierten über ihre bisherigen Erfahrungen mit dem Leben und den Veränderungen, die jetzt anstanden oder noch erfolgen sollten.

Resümee: Menschen mit Gottvertrauen, haben es leichter mit schwierigen Situationen umzugehen.
Danach besuchten wir den Markt der Möglichkeiten, der über sechs Messehallen auf jeweils zwei Etagen verteilt, alles bot, was Kirche und kirchliche Institutionen anzubieten haben. Von Banken über Versicherungen, Reisen, Christlichen Hotels, Lebenshilfe, Druckereiangeboten für Gemeindehefte und, und, und ...
Eine solche Vielzahl, dass wir sicherlich gut und gerne drei Tage alleine hier hätten verbringen können, um wirklich alles in Augenschein zu nehmen.

Wir trafen uns noch einmal mit unseren Gastgebern, die auch auf der Messe waren und beendeten unseren Kirchentag mit einem gemeinsamen Essen von den zuvor beschriebenen Verkaufsständen um die Hauptwiesen.
Um 18:00 Uhr zog es uns dann endgültig nach Hause und fünf tolle Tage mit vielen Eindrücken und Begegnungen sollten damit Ihren Abschluß finden.

Aber nach dem Kirchentag - ist vor dem Kirchentag. Wir freuen uns schon auf Münster im nächsten Jahr - auch wenn es dann wieder ein katholischer Kirchentag sein wird.

von Georg Joergens und Petra Müller